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Gabi Streile
 
  25.03. - 21. 05. 2018   
     
     
   
     
  „Titanweiß und Rosenrot", so überschreibt die Oberkircher Künstlerin Gabi Streile ihre umfassende Bilderschau in der Gesellschaft der Freunde junger Kunst. Der Titel ist Programm. Es geht der Künstlerin um Malerei, um die Farbe: als emotionaler Sehnsuchtsort – „Rosenrot" - und gleichzeitig sachlich – „Titanweiß" - als Bekenntnis zum malerischen Akt der keiner Vorlage oder Begründung bedarf. Und dennoch sind es die üppigen Blütenbündel des nahenden Frühjahrs, das Maigrün der Rheinauen oder - ganz aktuell - die tiefroten Einblicke in samtene Rosenköpfe, die die Künstlerin immer wieder bis zu zwei auf zwei Meter grossen Bildformaten drängen.

Für die Baden-Badener Schau hat Gabi Streile aber auch ganz speziell ein Rosenmeer von Aquarellen im kleinen Format geschaffen.

Landschaften, Pflanzen, Früchte spielen im Werk der Künstlerin eine zentrale Rolle. Sie strahlen eine ungeheure Energie aus, geben Zeugnis von einer inneren Präsenz, die sich auf der Leinwand und im Auge zu einer starken seelischen Gefühlswelt verdichtet. Dem prallen Leben entsprungen scheinen diese „Stillleben" und Landschaften. Ihre barocken Vorfahren greift sie mit einer überaus lebendigen, fruchtbaren Natur auf.

Alles ist Farbe, alles entspringt dem Malstrom, öffnet sich zum Bild und führt zurück zur freien Geste je nachdem, ob diese Bilder aus der Nähe oder Ferne betrachtet werden. Sie sind Genuss und Freude und das Motiv naheliegender Vorwand für den Malakt, dem üppige Blumenbouquets oder pralles Gemüse, ein schillernder Fisch oder immer wieder Landschaftspanoramen entspringen. „Mal-Lust" scheint hier synonym mit Lebenslust. Natur zeigt sich als Impuls und Energiequelle von Malerei und umgekehrt. Gabi Streile malt einfach - malt mit größtmöglicher Präsenz ausschnitthaft oder umfassend: Abbild und Wahrnehmungsraum, der sich mit allen Sinnen und Sinnhaftem, mit Haut und Haaren vermittelt.

Gabi Streile ist 1950 in Karlsruhe geboren. Nach dem Studium von 1970 bis 1976 an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe erhielt sie zahlreiche Stipendien und Auszeichnungen. Ihr Werk ist in vielen öffentlichen und privaten Sammlungen vertreten. Die Künstlerin lebt und arbeitet in Oberkirch und Berlin.

 
 

 

 
                 
     
   

 

 
  Otto Jägersberg: Einführung in die Ausstellung

Sub Rosa
Gabi Streile spart nicht an Farbe und Emotion.
Schon im Titel ihrer Ausstellung alles drin:
Titanweiß und Rosenrot.
Schöner kann es nur im Märchen zugehn:
Schneeweißchen und Rosenrot.

Schneeweißchen war nur stiller und sanfter als Rosenrot. Rosenrot sprang lieber in den Wiesen und Feldern umher, suchte Blumen und fing Sommervögel; Schneeweißchen aber saß daheim bei der Mutter, half ihr im Hauswesen oder las ihr vor, wenn nichts zu tun war. Schneeweißchen und Rosenrot hatten einander so lieb, und wenn Schneeweißchen sagte: „Wir wollen uns nicht verlassen“, so antwortete Rosenrot: „So lange wir leben nicht“

Bei Gabi Streile heißt Schneeweißchen Titanweiß. Das klingt gewaltig. Titan ist ein Riese; in der griechischen Mythologie kommt er aus einem Göttergeschlecht, das in der legendären goldenen ƒra herrschte. Titandioxid kommt als weißes Pigment auf den Markt; weil es so schön deckt, wird es auch als Lebensmittelmittelzusatzstoff eingesetzt, wie bei Kaugummi, Zahnpasta und Hustenbonbons und als Aufheller von Tabletten und Sonnencremes – Nivea: du linder Schleim, du deutscher Schmier, du Massenweiß..!

Jetzt Rosenrot. Die Rose ist eine Rose, ist eine Rose, ist eine Rose, sagt Gertrude Stein.

Das ist natürlich Quatsch. Die Rose ist in erster Linie ein Geschlechtsteil, dann kommen die Unterschiede, Kletterrose oder Stielrose, rote Rose oder blaue Rose.

Die Rose Dr. Albert Schweitzer ist eine Teehybride weiß mit rosa, stark duftend, die Rose Wolkenfee ist ein Kletterrose, auch als Stielrose verwendbar, zartrosa bis blassviolette Blüten in wolkigen Büscheln, guter Duft, nur einmal blühend.

Gertrude Stein meinte natürlich ihren Ausspruch „die rose ist eine rose...“ als Mahnung für Schriftsteller, sachlich zu bleiben und keinen Schmus zu verzapfen. Röslein Röslein rosenrot, Röslein auf der Heiden...

In Baden-Baden versteht man eine Menge von Rosen. Hier gibt’s einen Hügel voller Rosen und die Gönneranlage voller Rosen und jedes Jahr wird die schönste Rose aus den Neuzüchtungen gewählt, darf jeder mit abstimmen.

Am Eingang der Gönneranlage stehn vor der Oos-Brücke 2 Putti, nackte dickliche Monster, das eine hat einen Rosenkranz umhängen, der auch sein Geschlecht bedeckt, Sub Rosa, das andre Monster hat den Rosenkranz angehoben und präsentiert stolz sein Geschlecht.

Sub Rosa ist ein beliebtes Motiv in der Malerei. Paare in der Rosenlaube, alles was hier geschieht und gesprochen wird bleibt Sub Rosa, unter der Rose, bleibt Geheimnis. Das Siegel der Verschwiegenheit findet sich auch in Holz geschnitzt an altdeutschen Beichtstühlen und über Stammtischen.

Sie haben hier in der Ausstellung die einmalige Gelegenheit, sich ein Symbol des Sub Rosa in Form eines kleinen oder großen Rosenbildes von Gabi Streile anzueignen. Über Ihr Bett gehängt oder über Ihren Küchentisch, erfüllt es alle Ansprüche, Geschehenes und Gesprochenes wie nicht Geschehenes und nicht Gesprochenes zu gewähren.

Gabi Streile malt Rosen und Landschaften, mal auch einen Fisch, eine Melone oder eine Sonnenblume.

In den Bildern der Malerin sehen wir viel von dem was wir kennen.

Blumen, Wälder und Auen. Das Gewöhnliche. Die Willkür der Malerin verwandelt das Gewöhnliche in ein Abbild. Ist das Abbild nur eine Kopie des Gewöhnlichen, wenden wir uns ab. Das Willkürliche der Kunstausübung lässt uns kalt.

Erkennen wir aber in dem Bild die Kraft des Unwillkürlichen, den unerklärlichen Zauber aus Farbe, Format und Form, den Mehrwert, sind wir begeistert und tragen glücklich diese Erfahrung des Kunstwerks hinaus in den Alltag unseres Lebens.

Gabi Streile atmet Natur ein und atmet sie als Kunst aus. Sie atmet Schwarzwald ein und Rosen, und im Ausatmen werden Bilder draus.

Das Atmen nicht vergessen, muss man ihr nicht sagen.

Ihre Einatmung ist das Gefühl für das Sichtbare, ihre Ausatmung das Gefühl für Farbe und Form.

Was will das Bild, was meint es, was bedeutet es? Fraglos eine Sache des Eindrucks, der sich schwer definieren lässt. Das Bild ist eine wortlose Affektion – eine Einwirkung auf das Empfinden-, ein Erlebnis; das Bild ist ein Erlebnis, das sich mit Wort und Gedanken nicht einschließen lässt.

Die Meinung des Bildes ist es selbst, ist seine Gestalt. Einen anderen Inhalt hat das Bild nicht, sonst könnte man Bilder reden.

Eigentlich erübrigt sich jetzt das Weiterreden.

Denn über-Bilder-reden ist das überflüssigste.

Ich kann ja nur über meine Empfindung reden, über die Empfindung der Künstlerin beim Malen weiß ich nichts und will ich auch nichts wissen.

Sie wohnen also einer völlig überflüssigen Veranstaltung bei.

Was macht den Mehrwert in der Kunst aus, in der Literatur?

Im Gedicht, ist es das Wortlose.

Das Gedicht, aus Worten gemacht, ist aber erst Gedicht durch das Wortlose, das es als imaginären Überbau mit produziert.

In der Malerei, aus Farben gemacht, ist es das Ungemalte, das nicht Sehbare.

Ein Bild transportiert das Vorstellbare in das Unvorstellbare.

Wir sehen auf dem Bild eine Landschaft, die Farben stimmen, der Horizont ist erkennbar, im Vordergrund steht eine Blume geschmackvoll oder ein Baum gehaltvoll. Wir können über das Bild sagen: gut getroffen. Das hat der Maler gut getroffen. Wie ein Schütze, der mit seinem Arbeitsgerät ein Ziel trifft.

Das Wortlose des Gedichts macht die Musik, leger gesagt. Analytisch gesagt, das Wortlose des Gedichts überlässt das Gedicht dem Leser, die Wörter des Gedichts sind eine Vorlage, der Leser macht das Gedicht durch das Empfinden des Wortlosen zum eigenen.

Genau so überlässt die Malerin das Bild dem Betrachter. Es ist noch nicht das Bild, von dem sie träumt. Die Empfindung des Betrachters macht aus dem Bild - günstigstenfalls - erst das Bild, von dem sie geträumt hat.

Kommt ja nicht darauf an, etwas was ist, in seiner äußeren Erscheinungsform in verkleinertem Maßstab auf die Leinwand zu bringen, sondern aus dem Vorhandenen eine malerische Aussage zu formen.

Können der Hand ist die Voraussetzung für das Umsetzen einer äußeren Erfahrung in eine gestaltete innere. Empfindung ist Findung. Man muss es schon finden, das Empfinden. Das Empfinden ist kein Gefühl. Im Empfinden liegt etwas Geistiges, was dem sinnlichen Gefühl abgeht. Die Empfindung ist subjektiv, das Gefühl objektiv.

Jeder hat seinen Augenblick. Vor allem die Liebenden. Ein Augenblick entscheidet über ihr Schicksal. Mann sieht Frau – ein Augenblick – Liebe. Oder Frau sieht Mann – Augen blicklich Liebe. Mit den bekannten Folgen.

Der Augenblick ist ein Roman. Mit Anfang und einem unendlichen Ende.

Die Malerin allein bringt den Augenblick zum guten Schluss. Der Augenblick wird zum Bild. Ist das Bild fertig, ist für die Malerin der Augenblick erledigt. Jetzt kommt der Betrachter. Und los geht’s wieder mit dem Augenblick.

Noch ein Wort zum Geruch der Rose. Betäubend. Kommt kaum ein Damenparfüm ohne aus. Das teuerste ist Joy. Blumige Eleganz mit einem animalischen Hauch. Unverkennbar, feminin, facettenreich, stilbildend. Nun, der Geruch wird wohl von den bulgarischen Rosenpflückerinnen – sie duschen sich nach der Arbeit, um den aufdringlichen Düften zu entkommen – anders wahr genommen, als von der Dame, die sich erst nach dem Duschen ein Tröpfchen hinters Ohr erlaubt.

Für unsere Malerin riecht die Rose eindeutig nach Öl und Acryl.

Alles, was ich Ihnen heute erzählt habe, bleibt natürlich – wenn ich bitten darf - Sub Rosa.

 
     
   
   
      Bilder von der Eröffnung im Alten Dampfbad
     Fotos: Werner Schmidt, Text: nach dem Redemanuskript von Otto Jägersberg