Frank Lippold
- Künstler in Baden-Baden 2017 -
 
  10.12. 2017 bis 28.01. 2018  
     
     
     
 

Frank Lippold ist der Preisträger des städtischen Kunstpreises „Künstler in Baden-Baden 2017“. Mit der Ehrung einher geht eine von der Gesellschaft der Freunde junger Kunst ausgerichtete  Ausstellung und ein damit verbundener Katalog.

Frank Lippold wurde 1970 in Greifswald geboren. Nach seiner Ausbildung zum Werkzeugmacher studierte er an der Hochschule für bildende Künste in Dresden und schloss das Studium als Meisterschüler ab. Zahlreiche Einzel- und Gruppen-ausstellungen sowie Stipendien prägen seinen Weg. Für einige Baden-Badener ist Lippold kein Unbekannter. Der Künstler kam bereits 2014 als Baldreit-Stipendiat in den Genuss einer städtischen Kulturförderung. Nach Ablauf dieser Zeit kehrte Frank Lippold wieder zurück nach Schloss Scharfenberg bei Dresden, aber im Grunde nur, um dort seine Zelte abzubrechen und ganz nach Baden-Baden überzusiedeln.

 
     
 

Für den Katalog hat Pit Klein das Vorwort geschrieben, das im Folgenden abgedruckt ist:
Es kann nicht schaden, den Künstler Frank Lippold sprechen zu hören: über das, was er macht und wie er das macht, und er weiß sogar, warum er das macht. Er stellt sich auch Fragen. Z.B. zu dem, was dabei heraus kommt: Wo steht das in der Welt? Ist das bloß Quatsch? Oder was? Privatkosmos? Sein unüberhörbar sächsischer Tonfall müsste jedem Versuch, ihn und seine Kunst im sphärischen Wolkenkuckucksheim anzusiedeln, einen Riegel vorschieben, aber auch Kunstbetrachter und Kunstkritiker sind frei. Und ihren Interpretationen sind keine Grenzen gesetzt. So steht in dem Katalog Das neue Schwarz eine überaus gewissenhafte Auseinandersetzung mit der Holzkunst des Frank Lippold von Velten Wagner, in der sich dieser wiederum auf einen anderen Katalogtext bezieht: Hier war offensichtlich kein Naturnachahmer am Werk, sondern ein Künstler, der den Landschaftsraum als Reflexionsraum thematisierte, 'in welchem zeitgenössische Erfahrungen der Dissoziation und des Widerstreits das Naturschöne zugunsten der Befreiung der ästhetischen Form mortifizieren', wie es Christoph Tannert...trefflich auf den Punkt brachte. Mit dieser nicht ganz unkomplizierten, aber durchaus zutreffenden Beurteilung seiner eigenen Kunst konfrontiert und um eine Erklärung gebeten, gesteht Lippold freimütig:
Natürlich kann ich das überhaupt nicht erklären. Schon allein der Begriff Dissoziation, da wär ich nicht ganz sicher, was damit gemeint ist...

Frank Lippold ist kein Holzschneider im traditionellen Sinne. Er bearbeitet nicht eine Platte aus Massivholz mit diversen Schnitzmessern, walzt oder streicht eine oder mehrere Farben drauf und macht dann von diesem Bildstock (Holzstock, Druckstock) Abzüge. Z.B. auf Papier. Er schnitzt sich auch nicht ein, zwei, drei korrespondierende Bildstöcke zurecht und zieht diese, meist mehrfarbig, zu Holzschnitten ab. Die Technik des Holzschnittes dient der Vervielfältigung eines Kunstwerkes, damit es als Unikat bzw. Original nicht einsam und alleine und daher oft unbezahlbar bleibt, sondern als eines von fünfzig oder hundert bezahlbar wird und unter die Leute kommt. An diese Holzschnittregeln, so es denn welche sind, hält sich Frank Lippold nicht:  Er bearbeitet kein Massivholz, sondern Sperrholzplatten, und er macht davon auch keine Abzüge, sondern er verwandelt die  Platten als solche in Kunst. Diese Kunst ist ein  Unikat, aber als solche weder ein Holzschnitt, noch ein Relief noch eine Skulptur, sondern ein Sperrholzschnitt, der nicht als Bildstock dient, von dem Abzüge gemacht werden. Dieser Sperrholzschnitt ist das Kunstobjekt selbst, und das so was möglich ist, hat nichts mit Hokuspokus, wohl aber mit der Fähigkeit des Künstlers Lippold zu tun, den Betrachter zu verzaubern.

Und das macht er so: Er geht in einen Baumarkt und holt sich Sperrholzplatten. Die bestehen aus mindestens drei gegeneinander versetzten und verleimten Holzlagen: Meine Platten sind 6mm stark, also 3 Lagen. Die Hölzer sind z.B. Kiefer, Ahorn, Lärche oder Fichte. Buche und Eiche  behindern die Arbeit sehr: Wenn man den Span rauszieht, haftet der noch ziemlich fest. Er nimmt also ein Standardholz. Das ist weicher, und da hat die oberste Lage eine rötliche und die zweite eine gelbliche Färbung: Dieser gelbliche, dieser blonde Klang, ist auch mal schön, kann man mal so einbauen, aber insgesamt ist es eigentlich immer dieser rötliche Ton, der mich da reizt. Die Sperrholzplatten sind am liebsten 1 Meter 22 hoch und 2 Meter 44 breit. Die kann er so lassen oder zwei Würfel draus machen, und die wiederum kann er beliebig platzieren: an der Wand, auf dem Boden, nebeneinander, übereinander oder gegenüber.

Die eigentliche Arbeit findet auf dem Boden statt. Da liegt die Sperrholzplatte mit der Furnierseite nach oben. Und Lippold kniet auf ihr drauf: Ich bin immer auf'm Boden. Das ist aber sehr angenehm. So körperlich ist das schön. Manchmal hat er bereits vorher auf der Sperrholzfläche Pinsel mit allen möglichen Farben ausgedrückt. Einfach so. Farben, die er von nicht geschnitzten, sondern von auf Sperrholz gemalten Bildern übrig behalten hat. Die gesamte obere Seite der Sperrholzplatte, ob mit oder ohne Farben, streicht er dann monochrom und satt deckend ein: manchmal mit Blau und Rosa, aber sehr häufig mit Schwarz. Und dann macht er sich mit drei Messerchen und einem Metalllineal auf die Suche nach dem Bild: Ich hab ganz einfache Messer. Weiß gar nicht, wie die fachlich bezeichnet werden. Es ist kein Kuhfuß, der ist dreieckig, sondern es ist rund. Mit dem einen Messer kann er punktfein arbeiten, mit dem anderen breitere Späne beseitigen, und mit dem Cutmesser und dem Lineal kann er feine, scharfe Linien ziehen: Ich liebe das. Also auch diese Präzision. Eine Vorzeichnung mit Bleistift macht er nicht: Nee, nichts. Das ist das Reizvolle, dass es in dieses Schwarz so reingeht. In den großen Bildraum. In dem noch das große Nichts vorherrscht: ein Schwarz, das noch andere Farben und drei verschiedenfarbige Holzlagen zudeckt. Um dieses Nichts in einen spannenden Körper zu verwandeln, braucht Lippold schöngeredet zweieinhalb Monate.  Mit 10 Sperrholzplatten ist er zwei Jahre vollkommen beschäftigt. Hat er auf einer Platte mal wieder Pinsel von seiner Malerei zu bunten Farbflächen ausgedrückt und danach mit Schwarz zugedeckt, dann kann er nur noch ungefähr wissen, wo unter dem Schwarz jetzt die farbige Fläche ist: Da lass ich mich überraschen. Das suche ich auf keinen Fall, in den Griff zu kriegen...Dann ist es genau die Verlockung,  die mich reizt. Er könnte auch einfach die bunte Farbe wegschneiden und den darunter liegenden Farbton des Holzes hervorholen, aber das macht er nicht so gerne: Ich arbeite lieber mit dem Angebot. Er schneidet nicht sehr tief. 2 mm, 3mm, manchmal 4 mm, manchmal nur 1 mm. Aber bei 4 mm ist er schon in der 3. Sperrholzlage: Dann ist es auch wirklich so wie ne Verletzung. Das sieht dann sehr zerstört aus. Das kann aber stimmig sein. Frank Lippold sperrholzt abstrakt und gegenständlich, und manchmal schlägt in ein gegenständliches Landschaftsmotiv eine abstrakte Gebäudekonstruktion wie ein Blitz ein: Die Abstraktion dient der Konzentration auf Vorgang und Medium. Er richtet sein Hauptaugenmerk zunächst auf den Vorgang, also das Ritzen, Schneiden und Schnitzen, und er will, dass auch der Betrachter das tut. An das Motiv, z.B. einen roten Eimer, denkt er noch überhaupt nicht. Dann ist das Medium für ihn wichtig, das Sperrholz und die Farbe. Und er gibt beiden Medien, was das ihre ist, aber noch keinen roten Eimer. Auch der Bildgeometrie gestattet er ihre Eigenständigkeit, ohne den roten Eimer. Der kommt erst zum Schluss in Lippolds Kunstspiel, verführt dann aber den Betrachter geradezu und lenkt von allem andern ab. Schließlich spielt auch der Künstler selbst eine nicht unwichtige Rolle für das Kunstwerk, denn er vermittelt zwischen den verschiedenen Schnittstellen wie dem Schneidevorgang, dem Sperrholzmedium und dem Bildmotiv und bildet dessen unzerstörbaren Kern. Und, siehe oben, wo steht das in der Welt? Ist das bloß Quatsch?   

Wie wenig das Quatsch ist, mag schon die eingangs zitierte Kritikeraussage belegen, die in Lippold keinen Naturnachahmer am Werk sieht, sondern einen Künstler, in dessen Naturraum bzw. Naturfläche die Erfahrungen, die er mit Zerfall und Widerstreit seiner Zeit macht, das Naturschöne abtöten, um die reine ästhetische Form von ebendiesem Naturschönen zu befreien: Also, das hab ich noch nicht so gesehen, aber das finde ich gut.

Frank Lippold, wenn er nicht mit System in großformatigen Sperrholzplatten rum schneidet und schnitzt, malt auch. Auf Sperrholz. Die Formate sind zwar wesentlich kleiner, aber sie sind aus Sperrholz. Er hat eine Zeit lang auf Schloss Scharfenberg bei Dresden gelebt, und einige seiner Motive könnten aus diesem Lebensraum kommen: z.B. Madonnenbilder oder eine Serie von bunten Vögeln: Malen ist ein ganz anderes Medium als Schnitzen: beweglich, farbig. Son Gesicht ist was ganz anderes als son Steinhaufen...Das passt auf irgend ne Art auch wunderbar zusammen... Das erfrischt sich gegenseitig kolossal. Das ist verblüffend. Nicht wenige Betrachter seiner Bilder entdecken darin allerdings auch irritierende Momente. Obwohl das Bild eigentlich ein Portrait ist, taucht darin eine Kröte auf. Und der Betrachter ist verunsichert: Das Ergebnis kann durchaus verunsichernd sein, ist aber nicht mit Anstrengung gewollt. Das Verunsichern und das Irritieren beschäftigen den Künstler Lippold überhaupt nicht. Eher schon zerbricht er sich den Kopf darüber, warum es so wenige gute Bilder gibt: Es gibt also wirklich einen ungeheuren Bildermangel an guten Bildern. Ich sag das jetzt mal etwas größenwahnsinnig, dass ich das irgendwie sehe. Also sieht er auch, um beim Beispiel zu bleiben, dass dem Portrait zu einem guten Bild noch etwas fehlt: eine Kröte: Genau, ne Kröte wär eigentlich der Schlüssel zum Glück. Lippold sagt, er sei von einer gewissen schweren Sehnsucht geschlagen im Leben und mag es überhaupt nicht, wenn sich einer auf ne ganz flapsige Art aus der Affäre zieht. Aber: Es ist nicht gesagt, dass man sich viel Mühe gibt, und dann wird das auch gut. So ist das überhaupt nicht.

Frank Lippold ist Künstler in Baden-Baden 2017, und die damit verbundene Ausstellung heißt Schwarze Zahlen. Das hat nichts mit aktuellen Vorgängen auf den Finanzmärkten zu tun, sondern mit dem Geometrischen in seiner Kunst. Und außerdem: Gibt's weiße Zahlen? Nee, weiße Elefanten gibt's. Das Schwarz und das Geometrische haben zu vielen Spekulationen Anlass gegeben. So vermutet der bereits erwähnte Velten Wagner, dass Lippold das digitale Zeitalter mit seinen Bits und Bytes vor seinem inneren Auge hat, wenn er das Sperrholz bearbeitet: Die Übertragung dieser zeitgenössischen Wahrnehmungsästhetik auf den traditionellen Holzschnitt, die spannungsgeladene Durchdringung des Haptischen und des Virtuellen kennzeichnen Frank Lippolds Position im aktuellen Kunstgeschehen. Abgesehen davon, dass hier mit Zustimmung des Künstlers festgestellt worden ist, dass er keine traditionellen Holzschnitte macht, hat diese Charakterisierung etwas rätselhaft Richtiges: Es ist rätselhaft, wenn man das verbalisiert...Wenn mir jetzt jemand gegenübersitzt, bei einer wichtigen Ausstellungseröffnung, und ich soll dem dann erklären, was ich mache, komm ich da einfach nicht durch. Lippold selbst hat allerdings mal davon gesprochen, dass es Pixel sind, die er da in's Sperrholz schneidet und schnitzt: Ja, aber auch in soner Hilflosigkeit...

In  den Informationen eines großen Baumarktes steht über die Anwendungsmöglichkeiten von Sperrholz:

Die Sperrholzeigenschaften sind ebenso breit gefächert wie die Anwendungsgebiete. Ist das Sperrholz wasserfest imprägniert, kann es auch im Außenbereich oder im Bootsbau verwendet werden. Das relativ geringe Sperrholzgewicht prädestiniert es für den Innenausbau, für Dach- und Betonschalungen, für Bekleidungen von Decken sowie für den Aufbau von Sperrholztreppen, Türen, Wohnmöbeln oder Fußböden. Außerdem nutzt der Fahrzeugbau Sperrholz, basteln lässt sich mit Sperrholz ebenfalls hervorragend, und es kann auch als Verpackungsmaterial dienen.

Vom Holzschnitt und vom aktuellen Kunstgeschehen, von der Befreiung der ästhetischen Form und von Frank Lippold - kein Wort. Und ganz ohne Zweifel denkt kaum jemand, der das Wort Kunst hört, zuallererst und immer wieder und an nichts anderes als an Sperrholz. Außer Frank Lippold. Er ist ein Künstler, der auf den Sperrholzweg geraten ist. Wie geht das?:

Sagen wir so: Ich habe natürlich einen... künstlerischen Anspruch. Einen sehr hohen. Und da braucht er ein Material, das diesen Anspruch nicht auch noch auflädt. An einem Material, also an einem Medium, das diesem Anspruch gerecht würde, hätte er viel zu schwer zu tragen: Und Sperrholz ist ne vertraute Größe, kennt ja jeder. Ein Medium ohne jeden künstlerischen Anspruch... Und das ergibt ne ganz angenehme Arbeitstemperatur. Sozusagen aus meinen hohen Schlossetagen herabzusteigen in son ganz normales Medium... 

Pit Klein